Proteste gegen die Lärmbelästigung der neuen Diskothek Club Bahnhof Ehrenfeld
in den Bahnbögen Köln-Ehrenfeld



- aktuell: Artikel "Amt will Lärmpegel messen - Bahnbögen: Anwohner fühlen sich durch eine Diskothek und ihre Gäste gestört" von Heribert Rösgen, Kölner Stadtanzeiger, 22.07.2010

Link
zum Artikel "Den Bogen überspannt - Bahnbögen Lärm einer Clubdiskothek stört Anwohner" von Heribert Rösgen,
Kölner Stadtanzeiger vom 24.06.2010

Zitat aus dem aktuellen Artikel: "Bezirksbürgermeister Josef Wirges erhielt kürzlich eine Petition mit 30 Unterschriften. Darin wird unter anderem der Verlust an Wohn- und Lebensqualität in Ehrenfeld beklagt."


- Link zur Initiative "Rechte für Anwohner"


Bär aktuell spezial seit 6 Jahren! Nr. 102                                                                   www.karljosefbaer.kallnbach.de      3. Juni 2010

Empirische Lärmforschung am lebenden Objekt
Ein Forschungsbericht der Karl-Josef Bär-Gesellschaft
Da jüngst die Kolonisatoren des Lärms eingefallen sind, zumindest in die Hohlräume des Bahndamms von Köln-Ehrenfeld, und dies in Form einer Diskothek, die nächtens für die Anbeter wummernd-vibrierender Bässe dort in der Krypta des Eisenbahnzeitalters ein lautstarkes Hochamt zelebriert, weiß man, warum der Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler die Krankenkassenbeiträge auf eine Kopfpauschale umstellen will: für künftige Generationen sind die Hörgeräte nämlich nicht mehr bezahlbar. Von all den vielen anderen Amüsiertempeln im Szene-Wallfahrtsort Ehrenfeld weiß man bereits, dass manchem Gemeindemitglied die Kollekte am Eingang und der anschließende Obolus fürs Abendmahlsgetränk zu hoch ist, weshalb die minderbemittelten Zaungäste dieser Club-Rituale sich dann lieber vorher am Kiosk mit Bierflaschen eindecken und anschließend das Leergut auf der Straße hinterlassen, dies zur Freude der Pfandflaschensammler, und ebenso zur Freude der Fahrradreparaturwerkstätten, die sich angesichts der vielen Glasscherben auf der Straße über Aufträge zum Austausch durchlöcherter Fahrradschläuche nicht zu beklagen haben. So können die Kolonisatoren des Lärms sogar mit einer gewissen Dreistigkeit behaupten, sie trügen gar zur Wirtschaftsförderung in diesem Pilgerort der Club-Sekten bei. Weihrauchschwenker werden bei den neuzeitlichen Szene-Zeremonien allerdings nicht eingesetzt. Es bewahrheitet sich zwar der Ausspruch des römischen Kaisers Vespasian, „pecunia non olet“, Geld stinkt nicht (s. „Wirtschaftsförderung“), Urin aber schon, vor allem jener, der in der Innenkabine des Aufzugs zu Gleis 3 des Ehrenfelder Bahnhofs angetrocknet ist – wobei der Fairness halber zu sagen wäre, dass diese Aufzugkabine auch schon früher gerne von der Spezies des mitteleuropäischen Wildpinklers als Urinal zweckentfremdet wurde, bevor die Kolonisatoren des Lärms brutal eine Schneise der monoton-rhythmischen Beschallung in die Baulücken zwischen den Häusern zu schlagen begannen. „Brutal“ hängt etymologisch übrigens mit dem französischen Wort „bruit“=Lärm zusammen. Platz 2 in der Liste der inoffiziellen „Vespasiani“, wie man in Italien öffentliche Toiletten nennt, hat in Herrn Bärs Rankingliste am Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs der ebenfalls stets übel riechende Aufzug an der rechten Seite der Treppe, die zur Domplatte führt, und Platz drei nimmt der Treppenaufgang zur Deutzer Brücke an der Rückseite des Maritim Hotels ein. Da man in Köln einen gewissen Stolz auf historische Traditionen hegt, verteidigen eben jene Traditionalisten dies gerne mit dem Hinweis, schon im Jahre 1714 habe es in Köln recht streng gerochen, weshalb der neu hinzugezogene Johann Maria Marina sich anschickte, ein Duftwasser zu komponieren, das ihn eben nicht an die Vespasiani, sondern an den Duft eines italienischen Frühlingsmorgens erinnern sollte.
Dass „nächtlicher Lärm bereits bei Einzelpegeln von unter 45 dB(A) zu Gesundheitsgefährdungen“ führt, „wenn sich die Einzelpegel um mehr als 3 dB vom Geräuschhintergrund unterscheiden“, wusste man auch schon vorher, weil es bei „Wikipedia“ nachzulesen ist. Dazu muss man keine Diskothek eröffnen, bei deren Inbetriebnahme erst einmal auf den nötigen Schallschutz verzichtet wurde, bloß um mittels empirischer Lärmforschung am lebenden Objekt herauszufinden, ob es a) im Umfeld des Bahndamms überhaupt noch Anwohner gibt, und wenn ja, b) ob auch diese dann die „übereinstimmenden wissenschaftlichen Untersuchungen“ (Wikipedia) bestätigen, nachdem „eine Erhöhung um 10 dB als Verdopplung der Lautstärke empfunden“ wird. Die Opfer der empirischen Lärmforschung wissen daher weniger den Duft eines Frühlingsmorgens zu schätzen, sondern viel mehr die himmlische Ruhe, die um 6 Uhr endlich einkehrt, wenn nur noch Vogelzwitschern zu hören ist, weil dann der Küster in der Eisenbahnkathedrale, die zur Lärmhölle pervertiert ist, die Pforten schließt und auch der Gemeindevorstand sich nach Hause trollt, wie an jedem Morgen mit einem vollen Opferstock unter dem Arm, der all die klimpernden milden Gaben enthält, für die man sich dort die Seele aus dem Leib tanzen darf.
Es ist jedoch nicht zu erwarten, dass eine Gegenmaßnahme zu den diabolischen Umtrieben in der Lärmhölle am Ehrenfelder Bahndamm jemals zu solch einem Welterfolg würde wie die Erfindung des Kölnisch Wassers durch Johann Maria Farina. Vom heute noch weltweiten Bekanntheitsgrad des „Eau de Cologne“ kann die Hörgeräteindustrie jedenfalls nur träumen – oder kennt jemand vielleicht doch einen einprägsamen Markennamen, vielleicht „Modell Ehrenfelder Bahnhof – mit Extraverstärker für Bassgeräusche“? Manchmal wünscht sich Herr Bär, der Kardinal Meisner möge auch in diesem Falle mal mit markigen Worten den Verfall der Sitten anprangern, als Kolonisatoren des Lärms einfach in die nächtliche Ruhe im Indianerreservat einzufallen und sich mit akustischem Terror die saftigen Weiden der Prärie erobern zu wollen wie seinerzeit die Viehbarone in South Dakota und Oklahoma. Das Leiden muss wirklich schon sehr groß sein, wenn man sich ausgerechnet den Kardinal Meisner als Teufelsaustreiber herbei wünscht, er möge in dieser Lärmhölle ein Exorzisten-Ritual durchführen, aber ganz streng nach dem „Rituale Romanum Pauli Quinti Pontifici Maximi Iussu editum“ aus dem Jahre 1614, damit es auch nachhaltig wirkt und die Gemeindemitglieder ihre entäusserten Seelen wieder zurückgewinnen, vor allem aber, damit dann die babylonischen Zustände in den Gewölben des Bahndamms ein Ende haben mögen, tonal zumindestens. Aber da sich in diesem Falle eben nicht der Kardinal Meisner den Sheriffstern anheftet, breitbeinig als Rächer der Schlaflosen auftritt und mit einem harten Blick, der keinerlei Widerspruch duldet, den Regler am Mischpult runterdreht (vielleicht, weil er fürchtet, dass der Kabarettist Jürgen Becker dann wieder Witze über ihn macht), wünscht sich Herr Bär, dann möge stattdessen eben Clint Eastwood als einsamer bleicher und schweigsamer Reiter, ausgestattet mit einer Vollmacht vom Ordnungsamt, in die Stadt kommen und tun, was zu tun ist. © Raap/Bär 2010


LINK zu "Schallmauer soll helfen - Bahnbögen-Anwohner klagen über Lärm des Club-Bahnhofs" von Hans-Willi Hermans, Kölnische Rundschau, 3. Jun. 2010