Proteste gegen die Lärmbelästigung
der neuen Diskothek Club Bahnhof Ehrenfeld
in den Bahnbögen Köln-Ehrenfeld
- aktuell:
Artikel
"Amt will Lärmpegel messen - Bahnbögen: Anwohner fühlen
sich durch eine Diskothek und ihre Gäste gestört" von
Heribert Rösgen, Kölner Stadtanzeiger, 22.07.2010
Link
zum Artikel "Den
Bogen überspannt - Bahnbögen Lärm einer Clubdiskothek stört
Anwohner" von Heribert Rösgen,
Kölner
Stadtanzeiger vom 24.06.2010
Zitat aus dem aktuellen Artikel:
"Bezirksbürgermeister Josef Wirges erhielt kürzlich eine
Petition mit 30 Unterschriften. Darin wird unter anderem der Verlust an Wohn-
und Lebensqualität in Ehrenfeld beklagt."
Empirische Lärmforschung am lebenden
Objekt
Ein Forschungsbericht der Karl-Josef Bär-Gesellschaft
Da jüngst die Kolonisatoren des Lärms eingefallen sind, zumindest
in die Hohlräume des Bahndamms von Köln-Ehrenfeld,
und dies in Form einer Diskothek, die nächtens für die Anbeter wummernd-vibrierender
Bässe dort in der Krypta des Eisenbahnzeitalters ein lautstarkes Hochamt
zelebriert, weiß man, warum der Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler
die Krankenkassenbeiträge auf eine Kopfpauschale umstellen will: für
künftige Generationen sind die Hörgeräte nämlich nicht mehr
bezahlbar. Von all den vielen anderen Amüsiertempeln im Szene-Wallfahrtsort
Ehrenfeld weiß man bereits, dass manchem Gemeindemitglied die Kollekte
am Eingang und der anschließende Obolus fürs Abendmahlsgetränk
zu hoch ist, weshalb die minderbemittelten Zaungäste dieser Club-Rituale
sich dann lieber vorher am Kiosk mit Bierflaschen eindecken und anschließend
das Leergut auf der Straße hinterlassen, dies zur Freude der Pfandflaschensammler,
und ebenso zur Freude der Fahrradreparaturwerkstätten, die sich angesichts
der vielen Glasscherben auf der Straße über Aufträge zum Austausch
durchlöcherter Fahrradschläuche nicht zu beklagen haben. So können
die Kolonisatoren des Lärms sogar mit einer gewissen Dreistigkeit behaupten,
sie trügen gar zur Wirtschaftsförderung in diesem Pilgerort der Club-Sekten
bei. Weihrauchschwenker werden bei den neuzeitlichen Szene-Zeremonien allerdings
nicht eingesetzt. Es bewahrheitet sich zwar der Ausspruch des römischen
Kaisers Vespasian, „pecunia non olet“, Geld stinkt nicht (s. „Wirtschaftsförderung“),
Urin aber schon, vor allem jener, der in der Innenkabine des Aufzugs zu Gleis
3 des Ehrenfelder Bahnhofs angetrocknet ist – wobei der Fairness halber
zu sagen wäre, dass diese Aufzugkabine auch schon früher gerne von
der Spezies des mitteleuropäischen Wildpinklers als Urinal zweckentfremdet
wurde, bevor die Kolonisatoren des Lärms brutal eine Schneise der monoton-rhythmischen
Beschallung in die Baulücken zwischen den Häusern zu schlagen begannen.
„Brutal“ hängt etymologisch übrigens mit dem französischen
Wort „bruit“=Lärm zusammen. Platz 2 in der Liste der inoffiziellen
„Vespasiani“, wie man in Italien öffentliche Toiletten nennt,
hat in Herrn Bärs Rankingliste am Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs
der ebenfalls stets übel riechende Aufzug an der rechten Seite der Treppe,
die zur Domplatte führt, und Platz drei nimmt der Treppenaufgang zur Deutzer
Brücke an der Rückseite des Maritim Hotels ein. Da man in Köln
einen gewissen Stolz auf historische Traditionen hegt, verteidigen eben jene
Traditionalisten dies gerne mit dem Hinweis, schon im Jahre 1714 habe es in
Köln recht streng gerochen, weshalb der neu hinzugezogene Johann Maria
Marina sich anschickte, ein Duftwasser zu komponieren, das ihn eben nicht an
die Vespasiani, sondern an den Duft eines italienischen Frühlingsmorgens
erinnern sollte.
Dass „nächtlicher Lärm bereits bei Einzelpegeln von unter 45
dB(A) zu Gesundheitsgefährdungen“ führt, „wenn sich die
Einzelpegel um mehr als 3 dB vom Geräuschhintergrund unterscheiden“,
wusste man auch schon vorher, weil es bei „Wikipedia“ nachzulesen
ist. Dazu muss man keine Diskothek eröffnen, bei deren Inbetriebnahme erst
einmal auf den nötigen Schallschutz verzichtet wurde, bloß um mittels
empirischer Lärmforschung am lebenden Objekt herauszufinden, ob es a) im
Umfeld des Bahndamms überhaupt noch Anwohner gibt, und wenn ja, b) ob auch
diese dann die „übereinstimmenden wissenschaftlichen Untersuchungen“
(Wikipedia) bestätigen, nachdem „eine Erhöhung um 10 dB als
Verdopplung der Lautstärke empfunden“ wird. Die Opfer der empirischen
Lärmforschung wissen daher weniger den Duft eines Frühlingsmorgens
zu schätzen, sondern viel mehr die himmlische Ruhe, die um 6 Uhr endlich
einkehrt, wenn nur noch Vogelzwitschern zu hören ist, weil dann der Küster
in der Eisenbahnkathedrale, die zur Lärmhölle pervertiert ist, die
Pforten schließt und auch der Gemeindevorstand sich nach Hause trollt,
wie an jedem Morgen mit einem vollen Opferstock unter dem Arm, der all die klimpernden
milden Gaben enthält, für die man sich dort die Seele aus dem Leib
tanzen darf.
Es ist jedoch nicht zu erwarten, dass eine Gegenmaßnahme zu den diabolischen
Umtrieben in der Lärmhölle am Ehrenfelder Bahndamm jemals zu solch
einem Welterfolg würde wie die Erfindung des Kölnisch Wassers durch
Johann Maria Farina. Vom heute noch weltweiten Bekanntheitsgrad des „Eau
de Cologne“ kann die Hörgeräteindustrie jedenfalls nur träumen
– oder kennt jemand vielleicht doch einen einprägsamen Markennamen,
vielleicht „Modell Ehrenfelder Bahnhof – mit Extraverstärker
für Bassgeräusche“? Manchmal wünscht sich Herr Bär,
der Kardinal Meisner möge auch in diesem Falle mal mit markigen Worten
den Verfall der Sitten anprangern, als Kolonisatoren des Lärms einfach
in die nächtliche Ruhe im Indianerreservat einzufallen und sich mit akustischem
Terror die saftigen Weiden der Prärie erobern zu wollen wie seinerzeit
die Viehbarone in South Dakota und Oklahoma. Das Leiden muss wirklich schon
sehr groß sein, wenn man sich ausgerechnet den Kardinal Meisner als Teufelsaustreiber
herbei wünscht, er möge in dieser Lärmhölle ein Exorzisten-Ritual
durchführen, aber ganz streng nach dem „Rituale Romanum Pauli Quinti
Pontifici Maximi Iussu editum“ aus dem Jahre 1614, damit es auch nachhaltig
wirkt und die Gemeindemitglieder ihre entäusserten Seelen wieder zurückgewinnen,
vor allem aber, damit dann die babylonischen Zustände in den Gewölben
des Bahndamms ein Ende haben mögen, tonal zumindestens. Aber da sich in
diesem Falle eben nicht der Kardinal Meisner den Sheriffstern anheftet, breitbeinig
als Rächer der Schlaflosen auftritt und mit einem harten Blick, der keinerlei
Widerspruch duldet, den Regler am Mischpult runterdreht (vielleicht, weil er
fürchtet, dass der Kabarettist Jürgen Becker dann wieder Witze über
ihn macht), wünscht sich Herr Bär, dann möge stattdessen eben
Clint Eastwood als einsamer bleicher und schweigsamer Reiter, ausgestattet mit
einer Vollmacht vom Ordnungsamt, in die Stadt kommen und tun, was zu tun ist.
© Raap/Bär 2010